Trad Wives und die Sehnsucht nach dem vermeintlich Sicheren

Ich gehöre zu einer Generation von Frauen, die für Emanzipation und Gleichstellung gekämpft hat – nicht abstrakt, sondern ganz konkret: im Beruf, in Beziehungen, in der Frage, wem ein Leben eigentlich gehört. Dass ich heute zusehe, wie manche junge Frauen sich unter dem Label der Trad Wives wieder auf traditionelle Rollen festlegen, hätte ich lange für unmöglich gehalten. Es fühlt sich an wie ein Rollback, den wir doch längst überwunden glaubten.
Auf TikTok und Instagram wird ein idealisiertes Bild verkauft: klare Rollen, häusliche Harmonie, weibliche Hingabe als Lebensziel. Diese Erzählung wirkt besonders stark auf junge Frauen, weil sie einfache Antworten verspricht. Und genau hier trifft der Trend einen wunden Punkt unserer Zeit. Klimawandel, geopolitische Neuordnung, wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, drohende Kriege – all diese großen, beängstigenden Themen erzeugen ein Gefühl permanenter Unsicherheit. In solchen Zeiten wächst die Sehnsucht nach Übersichtlichkeit, nach einem „Zurück“, nach Strukturen, die Sicherheit versprechen.
Das Problem: Diese Sicherheit ist trügerisch. Die Rückkehr in vermeintlich feste Rollen bedeutet oft auch die Rückkehr in Abhängigkeiten – wirtschaftlich, emotional, gesellschaftlich. Was als persönliche Entscheidung inszeniert wird, entfaltet kulturell eine Wirkung, die alte Machtverhältnisse wieder normalisiert und feministische Errungenschaften infrage stellt.

Illustration: ©ankerplatz > KI-generiert

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